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Verfolgte Kunst

Das Stadtmuseum Wrocław lädt zur ersten Ausstellung in Polen mit Arbeiten jüdischer Künstler aus Breslau aus der Zeit zwischen den Weltkriegen ein. Die zentrale Figur der Ausstellung ist Maler, Graphiker und Architekt Heinrich Tischler (1892-1938), Schüler des herausragenden Architekten Hans Poelzig und des berühmten Malers Otto Müller. In der Ausstellung wird das Schaffen von Heinrich Tischler zum ersten Mal seit 85 Jahren in Wrocław gezeigt.

Heinrich Tischler wurde 1892 in Cosel/Oberschlesien geboren. 1910 begann er ein Studium an der Königlichen Kunst- und Gewerbeschule in Breslau. Im Ersten Weltkrieg diente er als Soldat. Seine ersten künstlerischen Erfolge hatte er bereits in den 1920er  Jahren, als er seine Arbeiten in Berlin ausstellte, u.a. bei Ausstellungen des Freien Jugendstils. 1925 gründete er zusammen mit Isidor Aschheim eine Schule für Malerei in Breslau, ein Jahr später begann er, intensiv als Architekt zu arbeiten. Er projektierte u.a. die Innenausgestaltung des Kaufhauses Petersdorff in Breslau (heute Kameleon), aber auch viele Schaufenster von Geschäften und Privatwohnungen. Ab 1930 gehörte er dem Deutschen Werkbund an, der wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Idee einer modernistischen Architektur hatte. 1931 stellte er in einer individuellen Ausstellung seine Werke zum letzten in Breslau auf. Kurz darauf wurde er aus der Reichskammer der bildenden Künste ausgeschlossen. 1936 führte er den letzten Bauauftrag aus, während er nebenbei auch als Zeichenlehrer arbeitete. Unmittelbar nach der "Reichskristallnacht" wurde er am 11. November 1938 Opfer von Massenverhaftungen und wurde ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Auf Bemühen seiner Familie wurde er einen Monat später aus dem KZ entlassen. Allerdings verstarb er am 16. Dezember 1938 in Breslau aufgrund der im Lager erlittenen Verletzungen und der Auszehrung. Er wurde auf dem Neuen Jüdischen Friedhof an der heutigen ul. Lotnicza beigesetzt.  Seiner Frau gelang es nicht nur, ihr Leben und das ihrer beiden Söhne zu retten, sondern auch das Lebenswerk des Künstlers, das später in ihrer Wohnung in London aufbewahrt wurde. Als günstigere Zeiten gekommen waren, gab sie die Werke von Tischler nach Deutschland und Israel.

Das fragmentarisch erhaltene Erbe Tischlers lässt einen Querschnitt seines universellen Schaffens, insbesondere des graphischen Schaffens, genau rekonstruieren. Heinrich Tischler und seine ganze Generation, die von den traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs geprägt wurde, wandte sich einem ausgeprägten Expressionismus zu. Die Künstler wehrten sich auch nicht gegen andere moderne Strömungen in der Kunst. Deutlich erkennbar sind in ihren Arbeiten Einflüsse der modernen französischen Malerei oder der Strömung, die  "Neue Sachlichkeit" genannt wird.

Häufige Motive in der Malerei von Tischler und Künstlern aus seinem Kreis waren Landschaftsstudien, Aktmalerei, Straßenszenen, Selbstporträts sowie Porträts von Angehörigen. Tischler selbst skizzierte auch Körperformen und Genremalerei. Besonders interessiert war er am Leben auf den Straßen von Breslau, im grauen Alltag. Die Welt seiner Bilder ist mit Fuhrmännern, Dienstboten, Handwerkern, Arbeitern, Hausierern und Immigranten aus Osteuropa bevölkert. Der Künstler hat auf diese Weise ein geheimnisvolles, aber gleichzeitig auch charakteristisches Porträt von Breslau geschaffen - einem Ort, an dem sich die Welten des Westens und des Ostens kreuzten.

Im Laufe der Jahre spiegelten sowohl seine Arbeiten als auch die anderer Künstler immer häufiger das Problem der Existenz von Künstlern jüdischer Herkunft in der Zwischenkriegszeit wieder, die damals Opfer politischer und künstlerischer Diktatur wurden. Expressive und im Ausdruck dramatische Graphiken und Bilder spiegeln ihre inneren Ängste und die Unsicherheit des Morgen wieder. Nur wenigen Künstlern jüdischer Herkunft, die vom nationalsozialistischen Regime in Europa verfolgt wurden und 1933 ums Überleben kämpften, ist es gelungen, zu überleben und ihr künstlerisches Werk zu retten. Daher sind geschätzte Künstler jüdischen Glaubens aus Schlesien der 1920er Jahre heute beinahe unbekannt, und die Schicksale vieler bleiben bisher unerforscht. Die Entstehung der Ausstellung, die vom Stadtmuseum Wrocław und vom Schlesischen Museum zu Görlitz vorbereitet wurde, wurde von der Frage inspiriert, welchen Beitrag Künstler jüdischer Herkunft zum künstlerischen Leben Breslaus in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geleistet haben. In der Ausstellung werden über Hundert Arbeiten aus den Sammlungen des Schlesischen Museums zu Görlitz und des Stadtmuseums Wrocław gezeigt. Die meisten von ihnen sind graphische Arbeiten von Heinrich Tischler.  Begleitet werden sie von Arbeiten von Künstlern aus seinem Kreis: Isidor Aschheim, Käte Ephraim-Marcus, Emmi Pick, Jechiel Schulsinger.
 

Verfolgte Kunst
Heinrich Tischler und sein Breslauer Milieu

Stadtmuseum Wrocław, Königsschloss
Die Ausstellung wird vom 20. März bis 31. Juli 2016 gezeigt.              
Ausstellungskuratorin: Dr. Johanna Brade, Schlesisches Museum zu Görlitz.                                                                                                      
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.                                                
Eintritt kostenpflichtig: normal 15 PLN, ermäßigt 10 PLN
Ausstellungseröffnung: 20.03.2016
Mehr unter: www.mmw.pl

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